Jonas Büchel
möchte mit Wird Führungspersonen zu Coaches machen.
Barbara Soreia Wojak
Wir leben in einer Zeit, in der vieles sichtbar wird, das lange gut versteckt war. Und plötzlich merken wir, dass Macht ganz anders funktioniert, als wir es gelernt haben. Ein Wort taucht dabei immer wieder auf. Macht. Interessanterweise wird Macht oft mit Autorität verwechselt. Mit Titeln, Positionen oder Menschen, die sehr sicher auftreten. Meine erste Begegnung mit Machtmissbrauch hatte ich in der dritten Klasse. Religionsunterricht. Ich stellte eine Frage, weil etwas für mich keinen Sinn ergab. Keine Provokation, nur kindliche Logik. Ich war vielleicht acht Jahre alt und offenbar schon eine kleine Systemstörung. Die Antwort war keine Erklärung. Die Antwort war eine Backpfeife. Und danach stand ich vor der Klasse als dummes Mädchen. Rückblickend wirkt das fast absurd. Ein Kind stellt eine Frage und bekommt statt einer Antwort eine Ohrfeige. Heute würde man sagen, ich habe etwas entlarvt. Damals wusste ich nur, dass Fragen offenbar gefährlich sein können, wenn sich jemand ertappt fühlt. Als Kind war ich wütend. Später dachte ich lange, ich sei falsch. Zu sensibel, zu kritisch, zu unbequem. Vielleicht kennen viele dieses Gefühl. Dieses leise «mit mir stimmt etwas nicht». Und doch war es nie unsere Wahrnehmung, die falsch war. Es war nur unbequem für andere. Wie oft hören wir «sei nicht so laut, übertreib nicht, halt dich da raus». Interessanterweise richten sich solche Sätze selten gegen Lautstärke, sondern gegen Klarheit. Dabei bedeutet Macht ursprünglich nicht, über andere zu bestimmen, sondern wirksam zu sein. Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Doch genau diese Form von Macht wurde vielen von uns gründlich abtrainiert. Anpassung bringt Anerkennung. Hinterfragen sorgt für Unruhe. Also lernen wir früh, unsere Wahrnehmung zu relativieren und Entscheidungen lieber an andere abzugeben. In meinem Alltag begegne ich immer wieder Menschen, die nach aussen funktionieren und innerlich trotzdem das Gefühl haben, keinen echten Handlungsspielraum zu besitzen. Nicht weil sie schwach wären, sondern weil ihnen beigebracht wurde, dass die entscheidende Macht ausserhalb ihrer selbst liegt. Dabei braucht es keinen Kampf und keine Rebellion. Nur ein Erinnern. Erinnern daran, dass Würde kein Titel ist. Dass Gleichwertigkeit nicht verliehen wird. Und dass niemand dauerhaft über unser Leben bestimmen kann, wenn wir unsere eigene Entscheidungskraft wieder ernst nehmen. Wahre Macht fühlt sich erstaunlich unspektakulär an. Kein Drama, keine Dominanz, keine grosse Bühne. Eher wie ein ruhiges inneres Wissen. Ich darf wählen. Ich darf handeln. Ich darf mein Leben gestalten. Vielleicht ist genau das die eigentliche Veränderung unserer Zeit. Nicht lauter zu werden, sondern bewusster. Nicht gegen etwas zu kämpfen, sondern wieder bei sich selbst anzukommen.
⋌Barbara Soreia Wojak
Lade Fotos..