Nadja Waldis
engagiert sich bei "UznerFamilien" für die Adventsfenster.
Wenn in vielen Wohnzimmern die erste Adventskerze brennt, beginnt für Paul Widmer die schönste Zeit im Jahr. In seiner Werkstatt in Uetliburg duftet es dann nach Lindenholz, im Hintergrund läuft leise Musik – und unter seinen geschickten Händen entstehen Engel, Könige, Hirten und die Heilige Familie.
Uetliburg Krippenfiguren zu schnitzen ist für Paul Widmer nicht einfach Arbeit, sondern gelebte Leidenschaft. Er gehört zu den wenigen Kunsthandwerkern in der Region, die noch Krippenfiguren schnitzen. Als Grund sieht er den grossen Aufwand: «Die Gesichtszüge müssen stimmig sein, die Figuren sollen Emotionen wecken.» Doch gerade darin liege für ihn der Reiz, Perfektion und realistisches Aussehen seien ihm besonders wichtig. «Ich schnitze meinen Namen in jede grössere Figur. Da muss sie meinem eigenen Anspruch standhalten.»
Seine erste Figur entstand nicht etwa zur Weihnachtszeit, sondern spontan in der 6. Klasse. Eine Reportage über einen Holzbildhauerinspirierte ihn – und kurz darauf schnitzte er ein Gesicht in eine Dachlatte. «Ich habe zuvor gern gezeichnet, doch zweidimensional wurde mir irgendwann zu langweilig», erinnert sich Widmer. «Holz gab mir die Möglichkeit, in die dritte Dimension einzutauchen.» Die ersten eigenen Krippenfiguren entstanden später aus einfachem Lindenholz. Widmer fertigte sie aus Freude für den persönlichen Gebrauch. Für Widmer gehört Schnitzen fest zur Winterzeit. «Wenn es draussen kalt und dunkel ist, komme ich richtig in Weihnachtsstimmung», schwärmt er. Im Advent stellt er seine eigene Krippe auf – natürlich selbst geschnitzt. Dass diese Tradition auch bei jungen Familien hoch im Kurs steht, freut den Holzbildhauer besonders. «Krippenfiguren haben nichts von ihrer Beliebtheit verloren. Viele verbinden damit Kindheitserinnerungen – und möchten ihren eigenen Kindern dieses Gefühl weitergeben.» Nur Heiligenfiguren seien heute weniger gefragt als noch vor zwei Jahrzehnten. Eine Lieblings-Krippenfigur hat Widmer nicht. «Die Weihnachtskrippe lebt vom Zusammenspiel aller Figuren. Jede einzelne hat ihren Platz und ihre Bedeutung», erklärt er. Diese Verbundenheit der Figuren spiegle für ihn die Botschaft von Weihnachten wider. Und genau dieses Gefühl möchte er mit seinen Krippen schaffen. Darum widmet er jeder Figur die gleiche Hingabe.
Für seine Krippenfiguren verwendet Widmer fast ausschliesslich Lindenholz – möglichst ohne Äste und Risse. Auch die richtige Lagerung spielt eine zentrale Rolle: Das Holz muss pro Zentimeter Dicke ein Jahr lang getrocknet werden. «Deshalb ist es wichtig, kein grünes Holz zu verwenden», betont Widmer. Ansonsten könne es zu plötzlichen Rissen im Holz kommen. Gelagert wird dieses sorgfältig geschichtet, damit es sich nicht verzieht. Oft stammt es von Bauern oder Gärtnern aus der Region. Beim Schnitzen wendet Widmer eine stets bewährte Technik an. Bei Figuren aus Holzsstämmen arbeitet er zu Beginn mit der Kettensäge. Als erstes wird der Oberteil, also Kopf und Arme, geschnitzt. Bei Figuren aus Holzbrettern zeichnet er zuerst das Profil und sägt mit der Bandsäge die Silhouette aus. Danach werden die Ecken gerundet und das Gesicht geformt. Dann wird an der gesamten Figur gearbeitet. «Wenn ich zuerst nur das Gesicht fertigstelle, stimmen am Ende die Proportionen nicht mehr», sagt Widmer. «Kopf, Arme, Gewand – alles muss gleichzeitig entstehen.»
Das Interesse am traditionellen Holzbildhauen ist bis heute unge-brochen. Widmers Schnitzkurse sind stets ausgebucht. «Die Menschen wollen etwas mit den eigenen Händen schaffen – ohne Bildschirm, ohne Hektik. Für mich ist Schnitzen ein Ausgleich, da bleibt das Handy auch mal ausgeschaltet.» Und diese Leidenschaft bleibt in der Familie: Sein Sohn, Kevin Widmer, hat mit dem Schnitzen begonnen und unterstützt seinen Vater einen Tag pro Woche. Im Januar wird er seine erste eigene Ausstellung in Männedorf zeigen.
⋌shs
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