Jonas Büchel
möchte mit Wird Führungspersonen zu Coaches machen.
Urs Grob spielt Hackbrett, unterrichtet das Instrument im Toggenburg und tüftelt am Klang seines eigenen Werks. Er hält das Kulturerbe am Leben und gibt die Kunst freudig weiter. Seine Faszination und Neugier brachten ihn bis an die ETH, wo er Physik studierte und heute auch arbeitet.
Region Wenn Urs Grob über das Hackbrett befragt wird, antwortet er mit leuchtenden Augen, so dass man ihm seine Begeisterung für dieses Kultinstrument direkt ansieht. Wie er seine Leidenschaft aufrecht erhält, erklärt der Musiker und Hobbyhandwerker mit einem Satz: «Man muss sein Interesse behalten, damit man an etwas dranbleibt.» Es ist seine Gebrauchsanweisung, um sein eigenes Spiel, seinen Unterricht und das Instrument zu verstehen. Als Kind kam Grob über die Musikschule zu seinem heutigen Lieblingsinstrument. Eigentlich wollte er einmal Schlagzeug lernen, aber dann wurde es das Hackbrett. Entscheidend war, dass immer wieder etwas Neues dazukam. Zuerst begann er mit Volksmusik, dann kam Klassik. Später weitere Stilrichtungen. Auch das ungarische Zimbal beherrscht er und zählt kleinlich die Unterschiede zum Hackbrettauf. Grob findet alle Stile bereichernd und schätzt die Vielfalt, die sich mit dem Hackbrett umsetzen lässt.
Wenn Grob erklärt, warum das Hackbrett zum Kulturerbe gehört, wird er präzise. «Das Instrument ist auf die Region zugeschnitten und ein angepasstes Werkzeug für die regionalen Musikstile », erklärt er. Obwohl das Hackbrett zur gleichen Instrumentenfamilie wie das ungarische Zymbal, das persische Santur und das mittelalterliche Psalterium gehört, deren Ursprünge bis in die Antike zurückreichen, hat es sich besonders in der Ostschweiz eigenständig weiterentwickelt: Im 19. und 20. Jahrhundert wurde es im Kontext der Appenzeller Streichmusik zu einem identitätsstiftenden Symbol regionaler Volksmusik. Ein Appenzeller oder Toggenburger Hackbrett funktioniere zwar nach dem gleichen Grundprinzip wie andere Hackbrettformen, klinge aber anders und ist anders gedacht. Gerade darin liegt für Grob seine Besonderheit. Geigen, Klaviere oder andere Instrumente sähen in Amerika, Japan oder Mitteleuropa im Prinzip ähnlich aus. Das Hackbrett hingegen sei viel weniger standardisiert und viel stärker regional geprägt. In der Appenzeller und Toggenburger Volksmusik habe das Instrument darum seinen festen Platz. Das Hackbrett sei dort meist kein Soloinstrument, sondern Teil einer Streichmusik. Grob beschreibt es als Rhythmusinstrument innerhalb der hiesigen traditionellen «Streichmusikbesetzung». Zwei Geigen, ein Cello, ein Kontrabass und ein Hackbrett. Gerade weil die anderen Instrumente global verbreitet sind, fällt seine Rolle auf. «Das eine, das es nur hier so gibt, ist das Hackbrett», sagt Grob.
Das Hackbrett ist in seinem Alltag nicht nur in Proberäumen und auf Bühnen vertreten, sondern auch im Unterricht, in Weihnachtsliedern, in Stücken aus dem Fernsehen und in den Vorlieben junger Schülerinnen und Schüler. Dass Grob unterrichtet, wirkt passend zu seiner Art, auch wenn er selbst sagt, er sei in diese Rolle hereingerutscht. Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass ihn am Unterrichten nicht in erster Linie das Bewahren einer Tradition reizt. «Ich habe gerne mit Leuten zu tun», sagt er. Ihn interessiere, wie sich Menschen entwickeln und was passiert, wenn man ihnen etwas zeigt, wofür sie sich selbst interessieren. Dies sei sein Hauptansporn beim Unterrichten. Grob sieht seit Jahren einen Mangel an Hackbrettlehrpersonen für die vielen Interessierten. Dieses grosse Interesse am Hackbrett führt er auch darauf zurück, dass das Instrument heute breiter wahrgenommen wird, weil damit experimentiert wird und weil die Menschen es auf Konzertbühnen oder im Fernsehen hören. 2010 hat beispielsweise der bekannte Hackbrettspieler Nicolas Senn den Song «Rosalie» mit Bligg veröffentlicht und gespielt. Einige Kinder kämen auch genau wegen solchen Auftritten in Grobs Unterricht. Er selbst hat mit Öserix³ schon in der SRF-Sendung «Potz Musig» von Nicolas Senn gespielt, spricht darüber aber auffallend zurückhaltend. «Ich bin ein schlechter Werber», sagt er.
Am deutlichsten zeigt sich seine Leidenschaft beim Bau des Instruments. Wo Grob nicht mehr nur spielt und unterrichtet, sondern ausprobiert, tüftelt und nachdenkt. Seit Jahren beschäftigt ihn die Frage, wie man dem Hackbrett mehr Tiefe geben kann. «Die hohen Töne lassen sich erweitern. Bei den Tiefen wird es schwierig. Ein Bass muss etwas Kerniges haben, etwas, das Boden gibt», beschreibt Grob. Beim Hackbrett komme stattdessen oft eher ein Klapf als ein wirklicher Basston heraus. Er will wissen, wo das Problem liegt. Bei der Saite allein jedenfalls nicht. «Es hat nachher noch eine Holzkiste darunter», sagt er trocken. Durch Schlagen auf die Saiten, die in unterschiedlicher Länge über den Holzkasten gespannt sind, entsteht der gespielte Ton. Und genau dort beginne es kompliziert zu werden. Spätestens hier gehört auch die Physik zum Gesamtbild. Grob sagt selbst, das Experimentieren mit dem Instrument sei auch mit ein Grund gewesen, weshalb er das Fach studiert habe. Er wollte genauer anschauen, warum das Hackbrett so gebaut ist und warum bestimmte Ideen funktionieren und andere nicht. Rechnen, Simulationen erstellen, Tendenzen erkennen, Prototypen bauen und wieder verwerfen. All das gehört für ihn zum selben Hobby. Grob sagt sehr klar, dass man am Ende eben doch nicht einfach in Zahlen fassen kann, wie ein gutes Hackbrett klingen muss. Man kann Richtungen erkennen, aber: «Herumtüfteln muss man trotzdem». Kulturgut lebt nicht vom Bewahren allein, sondern davon, dass Menschen wie Urs Grob es weiterdenken.
⋌D. Rogge, V. Furrer und S. Senn
Lade Fotos..