Rolf Knie
kann sich in seinem Atelier in St. Gallenkappel künstlerisch ausleben.
Einstein, Picasso, Marilyn Monroe – und ein neuer Rolf Knie. Im Atelier in St.Gallenkappel werden Leinwände und Farben zu neuen Gemälden veredelt. Ein Gespräch über die Lust an der Veränderung, Künstliche Intelligenz, Zirkus, Rapperswil-Jona und die Erkenntnis, dass Zeit nicht mehr verschwendet werden darf.
Rolf Knie, was geschieht derzeit in Ihrem Atelier?
Ich habe mich immer verändert und neue Herausforderungen gesucht. Zuerst war ich Schulreiter auf dem hohen Ross, dann bin ich vom hohen Ross heruntergestiegen und habe im Zirkus den Clown gespielt. Von der Manege ging es auf die Theaterbühne und von dort als Maler ins Kunstatelier. In der Malerei bin ich seit 1980 professionell tätig. Und auch dort verändere ich mich immer wieder, sogar fast täglich.
Weshalb ist das so?
Es ist für einen Künstler ganz wichtig, immer wieder neue Themen und eine neue Challenge zu suchen, sich selbst infrage zu stellen. Das habe ich jetzt wieder gemacht, mit grossflächigen Bildern von Persönlichkeiten wie Picasso und Einstein oder Frauen, die ich aus dem Kopf und aus Erinnerungen male. Für mich ist dies wie eine frische Liebe. Du gehst abends ins Bett und denkst: Was mache ich morgen? Und dann stehst du am liebsten um fünf Uhr auf, gehst an die Leinwand und hast diese Herausforderung: Gelingt es oder gelingt es nicht?
Ist diese Veränderung bewusst?
Nein. Das passiert mit dir, mit dem Geist, mit dem Körper, mit deiner persönlichen Situation. Irgendwann kommt dieser innere Drang, etwas Neues zu machen und dich selbst zu hinterfragen. Die eingefleischten Rolf-Knie-Fans werden beim Betrachten der neuen Bilder sagen: «Das ist doch kein Rolf Knie.» Doch. Das ist ein Rolf Knie. Ein Rolf Knie kann nicht gleichbleiben oder stehen bleiben wie das, was er mit 20 oder 30 gemacht hat. Es muss eine Entwicklung geben.
Gibt es etwas, das Sie sich nicht zutrauen würden?
Ja: einen Computer zu verstehen.
Ihre Frau verstehen Sie?
(lacht) Das ist ein weltweites Rätsel.
Einstein, Picasso und Marilyn. Wie sind Sie auf die Persönlichkeiten für die neuen Sujets gekommen?
Das geschieht aus dem Gefühl heraus – und aus einer Idee. Aber ich kann nicht einfach ein gewöhnliches Porträt von Einstein malen. Das geht nicht. Ich habe Einstein gemalt und rund um ihn herum die Nazca-Linien aus Peru. Einstein hat viele Rätsel gelöst, aber das Rätsel der Nazca-Linien nicht. Das gibt dem Bild ein Thema und eine Einheit. Picasso habe ich gemalt, wie er eines seiner eigenen Bilder malt.
Und Marilyn Monroe?
Marilyn habe ich so schön und sexy gemalt, wie sie zu Lebzeiten war. In einem sehr farbigen Kontext. Die Frau ist eine Ikone der jüngeren Geschichte.
Früher haben Sie viele Tiere und Zirkusmotive gemalt. Weshalb jetzt weniger?
Weil ich mich davon befreien möchte. Die Problematik ist bei einem Künstler immer die gleiche. Wenn du von Öffentlichkeit und Medien einmal in eine Schublade gesteckt wirst, musst du immer das machen, was die Menschen von dir erwarten. Wenn du aus dieser Schublade herausspringst, haben viele Mühe. Erst später wird man vielleicht sagen: «Das war aber auch verdammt gut.»
Vermissen Sie die Bühne und Manege mit dem direkten Applaus?
Nein. Das Klatschen und den Jubel hatte ich kürzlich mit «Charleys Tante» wieder. Das war sehr erfolgreich. Wenn ich den Applaus vermissen würde, könnte ich immer wieder zurück. Aber ich habe es genossen. Mein künstlerisches Zuhause ist im Atelier.
Und eine Fortsetzung von «Charleys Tante»…
… ist im Moment kein Thema. Wenn ich es weitermachen würde, müsste ich den Titel ohnehin ändern. In «Charley's Grossmutter…» (lacht)
Vor zwei Jahren hatten Sie den Wunsch geäussert, Anstand und Respekt mögen wieder in unsere Gesellschaft zurückkehren. Ist dies in Erfüllung gegangen?
Nein, leider nicht. Wenn ich einen Draht zu meinem Vater im Himmel hätte, würde ich ihm nicht sagen: «Papa, komm auf die Welt zurück.» Ich würde sagen: «Nein, bleib dort oben. Du hast es schöner. Die Welt ist nicht besser geworden.» Die 60er-, 70er- und 80er-Jahre, in denen wir gelebt haben, vermissen die Jungen nicht – weil sie diese Epoche nie erlebt haben. Sie wissen gar nicht, wovon wir reden, wenn wir von dieser Freiheit und dieser positiven Energie sprechen. Du kannst nur etwas vermissen, was du einmal hattest.
Auch die digitale Welt verändert den Umgang miteinander….
Man hat verlernt, an einem Tisch zu sitzen und zu diskutieren. Die Jungen können teilweise gar keine Dialoge mehr führen. Es gibt keine Generation, die so viel Zugang zu Wissen hatte wie die heutige. Aber es gibt auch kaum eine Generation, die so wenig Wissen hat. Die Menschheit verblödet. «Komm, ich frage die KI.» Da musst du nichts mehr lernen.
Sie sehen das ziemlich pessimistisch.
Nein. Es wird noch viel schlimmer, als ich mir das vorstelle.
Ist Künstliche Intelligenz auch in der Kunst ein Thema für Sie?
Ja. KI ist für mich so ähnlich wie Frankenstein, den Igor geschaffen hat. Aber KI wird nie etwas Neues erfinden. Sie wird nie kreativ sein. Sie nimmt Milliarden von Zuflüssen und macht daraus etwas, das sie uns dann als vermeintliche Vollkommenheit präsentiert. Aber sie muss gefüttert werden. Kreativität, Individualität, Persönlichkeit und gesunder Menschenverstand – das sind Faktoren, die für KI ein Fremdwort sind.
Wie blicken Sie auf die vielen Krisen und Kriege der heutigen Zeit?
Ich versuche, nicht immer draufzuschauen. Die ganz üblichen TV-Sendungen verfolge ich nicht mehr. Die Wahrheit ist immer das Erste, was in einem Krieg verloren geht, weil jeder etwas verzerrt erzählt. Beim Krieg zwischen Russland und der Ukraine müsste sich das Volk mehr mit den geschichtlichen Vorgängen beschäftigen. Wie ist es überhaupt dazu gekommen? Wenn du die Zusammenhänge kennst, betrachtest du den Krieg objektiver. Es wird meistens schwarz und weiss dargestellt. Aber dazwischen gibt es Grauzonen. Und die muss man kennen.
Der Zirkus ist eigentlich eine Welt, in der solche Grenzen keine grosse Rolle spielen.
Die meisten Kriegstreiber sind Politiker. Politikern geht es um Macht und Geld. Im Zirkus sitzt am Garderobetisch rechts ein Ukrainer, links ein Russe – und vorne ein Amerikaner. Die spielen vielleicht Schach oder Backgammon und diskutieren über schöne Sachen. Im Zirkus ist man weder politisch und noch religiös. Wenn einer ein bunter Vogel ist, wird er akzeptiert. Das war früher auch so. Wir hatten Boy George und andere. Das waren bunte Vögel, die wir alle geliebt haben. Und wir liessen sie, so wie sie waren – und beförderten sie nicht gleich zu politischen Botschaftern.
Themawechsel. Was bedeutet Ihnen Rapperswil-Jona?
Meine Heimat. Dort bin ich aufgewachsen. Rappi ist mein Ziel an fast jedem Tag. Ich war gerade vorhin dort, habe mit zwei Kollegen zu Mittag gegessen. Danach war ich mit René Strickler unten am See und habe mit Rocco Delli Colli diskutiert. Gerade in einem gewissen Alter ist es wichtig, hinauszugehen, Kollegen zu treffen, zu diskutieren und Freude am Leben zu haben.
Was macht Rapperswil-Jona so speziell?
Schon geografisch ist es sensationell gelegen. Der See, das Schloss, die Altstadt. Das ist fast museal, wenn man durch die Altstadt läuft.
Sie haben im Lauf der Jahre auch Weggefährten verloren. Beschäftigt Sie das?
Wenn du 77 bist, verabschieden sich immer wieder liebe Menschen, die dein Leben geprägt haben. Damit musst du rechnen. Besonders getroffen hat mich der Tod meines langjährigen Bühnen- und Manegenpartners Gaston Häni. Er war ein echter Freund. Aber solch traurige Ereignisse bringen dir etwas ins Bewusstsein: Mach etwas aus den letzten Jahren, die dir zur Verfügung stehen. Ärgere dich nicht mehr über menschliche Unzulänglichkeiten. Sei positiv. Sage nicht immer «morgen, morgen». Erledige Sachen oder triff Leute, die du gerne treffen möchtest, bevor sie sich verabschieden.
Was würden Sie dem jungen Rolf Knie heute raten?
Vielleicht noch intensiver an sich zu arbeiten. Sich weiterzuentwickeln. Sich für Dinge zu interessieren, die ihn früher überhaupt nicht interessiert haben. In jungen Jahren lebt man fast ein bisschen im Tag und verschwendet die Zeit. Heute kann ich die Zeit nicht mehr verschwenden, weil sie immer knapper wird.
Was sind Ihre nächsten grossen Ziele?
Das verrate ich nicht.
Aber man darf noch etwas erwarten?
Ja, ich bin voller Tatendrang – und noch lange nicht fertig. Ich bereite ein Kunstprojekt vor. Ich arbeite meine Geschichte auf und bin mit meinem Sohn Gregory etwas am Aufbauen. Aber das ist noch nicht spruchreif.
Thomas Renggli
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