Jonas Büchel
möchte mit Wird Führungspersonen zu Coaches machen.
Nathalie Frank geniesst die Ruhe und die Aussicht in Reichenburg.
Nathalie Frank lebt in Kaltbrunn und arbeitet über den Sommer im Service des Restaurants «Wirtschaft zum Hof» in Bollingen.
Region Das ist ein Beruf, der viel Tempo, ständigen Kontakt mit Menschen und hohe Aufmerksamkeit erfordert. Nathalie berichtet von persönlichen Begegnungen mit Gästen sowie von positiven und herausfordernden Momenten in ihrem Arbeitsalltag. Gleichzeitig gibt sie Einblicke in ihre Haltung zum Leben. Es ist Mittagszeit, in der «Wirtschaft zum Hof» herrscht reger Betrieb. Nathalie Frank wuselt zwischen den Tischen hindurch, nimmt eine Bestellung auf, bringt einen Kaffee, macht dabei einen Spruch und lacht. Alles gleichzeitig, alles mit Leichtigkeit. An ihrem Beruf schätzt sie vor allem den klaren Schnitt am Ende des Tages. «Ich beginne jeden Tag bei null», sagt sie. Keine liegengebliebenen Aufgaben, kein halbfertiger Bericht. Wenn sie Feierabend hat, ist wirklich Schluss. Diese Klarheit vermisst sie in vielen Bürojobs. Gleichzeitig wird es ihr nie langweilig: Über Mittag und am Abend herrscht Hochbetrieb, doch auch am Nachmittag ist immer etwas los.
Nathalie beobachtet ihre Gäste aufmerksam. Einmal brachte sie einer Frau, die ständig schniefte, ungefragt eine Serviette. Eine kleine Geste, die grosse Freude auslöste. Solche Momente treiben sie an. Doch die Arbeit hat auch ihre Schattenseiten: Leute, die Serviceangestellte von oben herab behandeln. Gäste, die meinen, sie seien allein im Restaurant und sofort bedient werden wollen. Und ein eher bescheidener Lohn. «Mit dem Grundlohn allein wäre es schwierig», sagt Nathalie. Insbesondere, da sie wegen ihres Knies 80 Prozent arbeitet. «Aber Trinkgelder gleichen einiges aus», fügt sie hinzu. Im Umgang mit Gästen ist sie offen und direkt: Auf die Frage, was sie den Leuten erzählt, antwortet sie lachend: «Viel!». Sie schnappt ein Thema auf, klinkt sich ein, teilt Persönliches. Bei vielen Gästen komme das gut an. Sie schätzen das und empfinden den Kontakt mit ihr als besonders persönlich. Und wenn jemand sie fragt, wie es ihr geht, antwortet sie unverblümt. «Wenn man meine ehrliche Antwort nicht will, muss man nicht fragen.» Diese Offenheit wirkt manchmal überraschend, schafft aber oft Nähe, und bringt Nathalie im Gegenzug viele persönliche Geschichten ein: «Manchmal sogar mehr, als mir lieb ist.» Ihr feines Gespür für Menschen zeigt sich immer wieder. Einmal hatte es im Restaurant ein Pärchen, das ständig turtelte. Die Chefin dachte, die beiden seien frisch verliebt. Nathalie war anderer Meinung. «Also ging ich hin und fragte direkt, wie lange sie schon zusammen sind», erzählt sie. Die Antwort: sieben Jahre. «Ich kann mich oft auf mein Bauchgefühl verlassen.» Das Thema Respekt ist ihr wichtig, sie kennt es aus eigener Erfahrung. Früher, erzählt sie, habe es öfter betrunkene, übergriffige Gäste gegeben. In der Lehre hat ihr einmal jemand den Rock gehoben. «Ich sagte sofort, dass ich den nie mehr bediene.» Einmal bewarb sie sich auf eine Stelle, bei der der Chef ihr im Voraus mitteilte, sie solle sich nicht beschweren, wenn ihr jemand an den Po fasse. «Die Stelle habe ich natürlich nicht angenommen.» Für sie war klar: So etwas akzeptiert sie nicht. Solche Situationen gibt es heute zum Glück seltener: «Die Leute trinken tendenziell weniger Alkohol», erklärt Nathalie, «und es hat weniger mühsame, betrunkene Gäste in den Restaurants.»
Als alleinerziehende Mutter eines Sohnes war Nathalie nie langweilig. Aber trotzdem fehlte ihr manchmal die Zweisamkeit. «Als mein Sohn etwa elf Jahre alt war, war ich Dauer-Single und dadurch schon etwas einsam», erinnert sie sich. In dieser Zeit kaufte sie sich einen riesigen Teddybären zum Kuscheln: «Wenn mir etwas fehlte, fand ich immer etwas, um es zu regulieren.» Alleine essen gehen, alleine ins Kino – all das war für sie kein Problem. «Schlussendlich machst du dich selbst glücklich und nicht andere.» Diese Erkenntnis zu erlangen, brauchte seine Zeit. «Mit 20 hatteich Depressionen», so Nathalie. Und nach einer Trennung mit etwa 33 fiel sie in ein tiefes Loch. Sie machte sich auf, besuchte bewusst Orte, die sie mit ihrem Ex verband, um die gemeinsamen Erinnerungen mit eigenen zu überschreiben. «Diesen Weg musste ich selbst gehen.». Deshalb hätte es ihrem früheren Ich auch nicht geholfen, wenn das heutige Ich ihr Tipps gegeben hätte: «Es hätte damals nichts gebracht, ich hätte es eh nicht geglaubt.» Heute ist Nathalie in einer Beziehung und verbringt viel Zeit bei ihrem Partner in Reichenburg. Oft sitzt sie dann draussen vor dem Haus und geniesst den Moment. «Ich fühle mich hier wohl und geborgen», sagt sie. Man glaubt ihr das sofort. «Die Beziehung gibt mir Sicherheit. Ich weiss, dass ich mit meinem Herzen irgendwo zuhause bin.» Verändert hat sich sie durch die Beziehung kaum – ausser vielleicht, dass sie im Service etwas weniger flirtet als früher. «Obwohl, wenn ein Mann gut aussieht, schaue ich natürlich trotzdem gerne», sagt sie mit einem Grinsen.
Durch ihre Arbeit hat Nathalie gelernt, wie vielfältig Menschen sind. «Es gibt keine Facetten, die es nicht gibt.» Sie hat gelernt zu spüren: Bei wem darf ich was? Wer will Witze, wer will nur bedient werden? Dieses Feingefühl entsteht nicht über Nacht, sondern durch jahrelange Erfahrung. Über sich selbst weiss sie heute, dass sie sich oft zu stark unter Druck setzt und zu kritisch mit sich ist. Dies, obwohl die Gäste am Ende meist zufrieden sind. Gleichzeitig hat sie gelernt, offener zu sein und Dinge nicht mehr in sich hineinzufressen. Ihre Haltung ist klar: Die eigene Perspektive prägt das Erleben. «Wenn ich etwas schlecht betrachte, ist es schlussendlich auch schlecht.» Wenn sie im Stau steht, regt sie sich nicht auf. Sie dreht die Musik lauter und tanzt. «Es hat immer seine Gründe, warum etwas passiert.» ⋌shs
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