Roger Eberhard
freut sich als Präsident auf die Fasnacht Kaltbrunn.
Das Fertigstellen der Maturaarbeit ist für viele Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ein erster Meilenstein vor dem Abschluss. So auch für Yara Schwyter und Leila Truniger von der Kantonsschule Wattwil. Beide setzten sich in ihren Arbeiten intensiv mit dem Thema Hexenverfolgung auseinander.
Region Yara Schwyter wusste schnell, worüber sie schreiben wollte. «Hexenprozesse interessierten mich besonders und ich habe angefangen, im Internet zu recherchieren», erzählt die 17-Jährige aus Uznach. Als sie entdeckte, dass im Jahr 1695 sogar in ihrem Wohnort Hexenprozesse stattgefunden hatten, war ihre Begeisterung geweckt. Hochmotiviert begann sie mit den Recherchen zu ihrer Maturaarbeit mit dem Titel «Ein dunkles Kapitel von Uznach: Die Hexenprozesse im Jahr 1695». Dafür las sie unter anderem die originalen Prozessakten. Allein dies gestaltete sich schon schwierig: Für eine der Akten gab es keine Übersetzung aus dem Althochdeutschen. «Also musste ich das selbst machen», sagt Yara. Die Künstliche Intelligenz sei dabei keine grosse Hilfe gewesen: «Es war immer noch ein grosses Kauderwelsch.» Erst mithilfe des alten Alphabets und unterstützendem KI-Einsatz gelang es ihr dann, die Akte zumindest sinnbildlich zu übersetzen.
Abgesehen von den Prozessakten existieren nur wenige weitere Quellen zu den Hexenprozessen von 1695. Aber genau das reizte Yara besonders: «So konnte ich viel recherchieren und selbst interpretieren.» Sie fand heraus, dass damals drei Frauen in Uznach beschuldigt wurden: Katharina Wurm, Katharina Zahner und Ursula Meyer. Yaras Ziel war es, die möglichen Gründe für ihre Anklagen zu untersuchen. In den Akten seien hauptsächlich die erzwungenen Geständnisse sowie die angewandten Foltermethoden dokumentiert. Mithilfe der Geständnisse hat Yara dann Hypothesen aufgestellt, was den Frauen vorgeworfen sein könnte. Auch mit den ausführlich beschriebenen Foltermethoden setzte sie sich auseinander. Die Frauen sind unter anderem durch Rautenschläge und Malefizbäder bis zum Geständnisgefoltert worden – abgesehen von Ursula Meyer. Sie habe auch unter der Folter nicht nachgegeben. Es hiess, dass ihre Wunden schnell heilten und sie das Malefizbad sogar genossen habe und darin einschlief. «Ich glaube eher, dass Ursula Meyer im Bad ohnmächtig wurde», vermutet Yara, «und dass ihr die schnelle Wundheilung einfach nachgesagt wurde.» Denn mit dieser Begründung wurde Ursula Meyer auch als Hexe benannt – und schlussendlich wie die anderen beiden hingerichtet.
Auch Leila Truniger verfasste ihre Maturaarbeit zum Thema Hexen. Unter dem Titel «Hexenverfolgung im Toggenburg – ein Theaterstück» schrieb sie ein Theaterstück, das auf historischen Begebenheiten beruht. Die Geschichte vor dem Hexenprozess interpretierte sie selbst, da es dazu keine Überlieferungen gab. Dass ihre Arbeit ein Theaterstück wird, war der 18-Jährigen aus Dreien von Anfang an klar gewesen. «Ich spiele selbst gerne Theater», erklärt sie. «Das Schreiben fiel mir leichter als bei einem Prosatext, weil ich mir die Szenen direkt vorstellen konnte.» Zudem eigne sich das Thema besonders gut für eine Tragödie. Ob das Stück jemals aufgeführt wird, weiss sie noch nicht. «Falls ja, würde ich es sicher noch ein bisschen ausarbeiten und ausschmücken», so Leila. Für den theoretischen Teil ihrer Arbeit stützte sie sich unter anderem auf ein Werk des Historikers Manfred Tschaikner, der die Hexenverfolgungen im Toggenburg zwischen 1571 und 1663 beschreibt. Besonders berührte sie das Schicksal von Barbara Rigoltin. Diese war 85 Jahre alt, als sie wegen Hexerei angeklagt wurde, und hat den Prozess trotz grausamer Folter überstanden. «Es konnte nicht bewiesen werden, dass sie eine Hexe ist», führt Leila aus. Bestraft wurde sie trotzdem: Aus Angst, sie könnte sich für den Prozess rächen, durfte sie ihre Güter nicht mehr verlassen. «Sie wurde also aus ihrem Dorf verbannt, damit sie sich nicht für den Prozess rächt, den es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen.»
Diese ungerechtfertigten Anschuldigungen und Verfolgungen zieht Leila auch in einen Bezug zur Gegenwart: «Auch heute werden Menschen noch aufgrund von Religion, Herkunft oder Aussehen ausgegrenzt oder vertrieben.» Deshalb möchte sie mit ihrer Arbeit vor allem eine Botschaft verdeutlichen: «Wir sollten endlich damit aufhören, uns ständig gegenseitigzu beschuldigen – denn damit zerstört sich die Gesellschaft nur selbst.» Auch Yara kritisiert die Sinnlosigkeit von Folter: «Ein Geständnis unter Folter ist meiner Meinung nach kein Beweis für die Wahrheit.» Beide sind sich einig, dass das Thema auch heute noch relevant ist. «In manchen Teilen der Welt gibt es bis heute Hexenprozesse», betont Yara. Mitihren Maturaarbeiten zeigen Yara Schwyter und Leila Truniger eindrücklich, wie wichtig es ist, historische Ungerechtigkeiten aufzuarbeiten und deren Bedeutung für die heutige Gesellschaft nicht zu vergessen.
⋌shs
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