Diana Brändle
ist seit 17 Jahren im Fussball aktiv und spielt für den FF Toggenburg.
Vor 40 Jahren begann in Wattwil die Geschichte eines Schweisshelms, der sich automatisch verdunkelt. Heute stellt Optrel auch Atemschutz und aktive Sportbrillen her und ist trotz internationalem Erfolg dem Standort treu geblieben. Präsident Marco Koch spricht über den Rückkauf 2010, den Umgang mit Preisdruck, bodenständige Toggenburger Fachkräfte und seinen grossen Wunsch für die Region.
Marco Koch, Optrel feiert 2026 sein 40-jähriges Bestehen. Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie als Präsident?
Auf 40 Jahre dürfen wir stolz sein. Ich habe einmal gehört, dass von den Unternehmen, die ungefähr zur gleichen Zeit wie wir gegründet wurden, heute nur noch rund zehn Prozent aktiv sind. Dass wir dieses Jubiläum feiern können, ist also keine Selbstverständlichkeit.
Die Firma hat bewegte Zeiten hinter sich: Nach der Mitgründung durch Ihren Vater gehörte sie lange einem französischen Konzern. Als 2010 der Abzug in die Slowakei drohte, kauften Sie und Ihr Bruder den Betrieb kurzerhand zurück. Was hat Sie bewogen, dieses Risiko einzugehen?
Für den Rückkauf gab es im Wesentlichen zwei Gründe: Wir wollten die Arbeitsplätze im Toggenburg erhalten und ich stehe für den Werkplatz Schweiz ein. Mir ist wichtig, dass sich die Schweiz nicht ausschliesslich zu einem Dienstleistungsstandort entwickelt. Dass man hier erfolgreich produzieren kann, zeigen viele Beispiele. Mich hat
gereizt, das selbst erneut unter Beweis zu stellen. Auch spätere Übernahmeangebote haben wir abgelehnt. Das liegt daran, dass wir selbst über unsere Zukunft bestimmen möchten. Ich bin mein Leben lang Unternehmer gewesen und bin es gewohnt, diese Verantwortung zu übernehmen. Zudem ist es die Stärke eines KMU, unabhängig und agil zu bleiben. In grösseren Konzernen dauern Entscheidungen oft viel länger.
Bei den aktiven Sonnenbrillen haben Sie die Technologie zur automatischen Verdunkelung von Schweisshelmen auf einen ganz anderen Markt übertragen. Wie kamen Sie dazu?
Der Technologietransfer war zwar möglich, aber der Markt funktioniert völlig anders. Bei den Sonnenbrillen mussten wir unser Geschäftsmodell rund dreimal anpassen. Ursprünglich wollten wir unsere Technologie einfach etablierten Brillenherstellern anbieten. Es scheiterte aber am Preis: Da in diesen Brillen viel Elektronik und teure Komponenten stecken, waren die in der Branche üblichen hohen Margen nicht möglich. Plötzlich hatten wir zwar ein gutes Produkt, aber keine Abnehmer dafür. Gleichzeitig waren die Rückmeldungen der Testpersonen, die unsere Prototypen getragen hatten, sehr positiv. Also sagten wir uns: Dann machen wir halt selbst eine Brille.
Welche Begegnung mit Menschen, die Ihre Produkte nutzen, ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Seit wir Sonnenbrillen herstellen, kommen wir mit noch mehr Menschen direkt in Kontakt. Ich bin selbst ein passionierter Skifahrer. Im Engadin sass auf dem Sessellift einmal jemand neben mir, der eine Brille von uns trug. Ich fragte: «Gute Brille, bist du zufrieden damit?» – «Ja, super Brille. Warum fragst du?» Dann sah er, dass ich die Gleiche trug. So kommt man ins Gespräch. Eine andere Begegnung hatte ich in den Ferien in Frankreich. An einer abgesperrten Strasse waren Arbeiter am Schweissen. Beim Vorbeifahren sah ich, dass sie einen Schweisshelm von uns benutzten. Da musste ich natürlich anhalten und mit ihnen reden. Zunächst waren sie etwas verwundert, weshalb ich mich für ihren Helm interessierte, bis ich erklärte: «Ich stelle den her.» Das sind schöne Begegnungen. Im direkten Gespräch erfährt man am besten, was ein gutes Produkt für die Anwender ausmacht.
Heute ist die internationale Konkurrenz aus den USA und Asien gross, hinzu kommt der starke Schweizer Franken. Weshalb entscheiden sich Anwender trotzdem für Ihre deutlich teureren Produkte?
Gerade mit Anbietern aus Asien können wir preislich nicht mithalten. Auf einen reinen Preisvergleich dürfen wir uns nicht einlassen. Wir setzen auf eine starke Marke mit eindeutigem Mehrwert. Wir sind im professionellen Arbeitsschutz tätig: Wer zweimal im Jahr einen Auspuff schweisst, profitiert davon weniger als jemand, der täglich
fünf bis acht Stunden mit diesen Werkzeugen arbeitet. Es gibt sogar Kunden, die uns die Blendschutzkassette eines 20 Jahre alten Helms einschicken und fragen: «Könnt ihr das noch reparieren?» Der Helm hat bis dahin funktioniert, und sie möchten ihn unbedingt weiterverwenden.
Was macht für Sie den Wirtschaftsstandort Toggenburg aus? Weshalb ist Optrel bis heute hier geblieben?
Wir sind hier geboren, sage ich immer, und produzieren bis heute in Wattwil: Von der Idee über die Entwicklung bis zum fertigen Produkt wird alles hier gemacht. Zudem passt die Region zu uns: Im Toggenburg leben bodenständige Menschen, und wir sind eine bodenständige Firma. Darum fühlen wir uns hier wohl. Dazu kommt, dass wir bei der Personalsuche gute Erfahrungen machen. Es heisst zwar oft, es sei schwierig, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, doch das können wir nicht bestätigen. In der Agglomeration Zürich würden wir mit vielen anderen Unternehmen um dieselben Fachkräfte konkurrieren. Wenn wir aber hier im Toggenburg interessante Stellen anbieten, nutzen die Menschen aus der Region diese Möglichkeit gerne, statt jeden Tag nach Zürich oder Winterthur zu pendeln. Unser Standort ist bei der Personalsuche also sogar ein Vorteil.
Welche beruflichen Perspektiven bieten Sie jungen Toggenburgerinnen und Toggenburgern?
Wir bilden Lernende in verschiedenen Berufen aus: Konstrukteure, Physiklaboranten, Elektroniker, Automatiker sowie Fachkräfte in der Logistik. Das sind sehr spannende Ausbildungen. Gerade für Elektroniker und Physiklaboranten gibt es nur wenige Ausbildungsplätze. In der Region gehören wir zu den seltenen Ausbildungsbetrieben in diesen Bereichen.
Was muss das Toggenburg tun, damit Sie auch in Zukunft gerne hier bleiben möchten?
Hier wird wirklich gute Arbeit geleistet. Es wird darauf geachtet, dass die Schulen in der Region bleiben und ein attraktives Umfeld zum Leben und Wohnen geboten wird. Viel mehr erwarte ich gar nicht. Ein Unternehmen muss selbst agil bleiben, sich anpassen und nach Lösungen suchen. Einen Wunsch hätte ich allerdings: Es wäre gut, wenn wir in der Region ein Businesshotel hätten. Wir bekommen viel Besuch von Verkäufern, Kunden und Lieferanten, finden aber weit und breit kein Hotel, in dem wir diese Gäste unterbringen können. Dieses Bedürfnis habe ich auch schon von vielen Unternehmerkollegen aus der Umgebung gehört. Bislang wagt sich hier allerdings niemand in die Hotellerie.
Sie setzen sich auch sozial ein. Können Sie mehr über Ihr Engagement erzählen?
Wir arbeiten mit dem Johanneum in Nesslau zusammen, wo Menschen mit Beeinträchtigungen für uns einfache Arbeiten übernehmen. Ich finde es wichtig, dass wir als Unternehmen einen sozialen Beitrag leisten und die Arbeit
solcher Institutionen für die Gesellschaft würdigen. Darüber hinaus unterstützen wir Menschen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben.
Ihr Vater hat mitgegründet, Sie haben zurückgekauft. Gibt es eine dritte Generation – und bleibt Optrel ein Familienunternehmen?
Wir haben keine Kinder. Eine dritte Generation kommt deshalb eher nicht infrage. Aber irgendwann werden andere kommen und ein neues Kapitel dieser Geschichte schreiben. Optrel hat jedoch bewiesen, dass das Unternehmen unabhängig von der Eigentümerschaft eigenständig und erfolgreich bleiben und seinen Standort im Toggenburg halten kann.
Mirjam Walser
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